Das vielleicht nicht, aber scheiße war die Musterung schon. Ich habs auch zweimal aufgeschoben, aber das lag eher daran, daß das Kreiswehrersatzamt bei uns am Arsch von Berlin liegt und ich ne ganze Ecke dahin fahren mußte und das zu einer unmenschlichen Uhrzeit

. Außerdem wollte ich zuerst meine Verweigerungsunterlagen vervollständigen.

Naja, auch wenn du vielleicht ahnst, was dich erwartet, Bailey, kann ich ja mal erzählen, wie bei mir die Musterung ablief:
Als ich mit freudestrahlendem Gesicht, auf der Fahrplantafel der örtlichen S-Bahn am morgen des großen Tages auf halbem Wege ablas, daß die S-Bahn, die ich nehmen wollte, nur am nachmittag im halbe-Stunden Takt fuhr, dachte ich "super, fängt ja gut an." Infolgedessen mußte ich also mit Bussen vorlieb nehmen. Nach längerem Gerumpel derselbigen durch trostlose Gegenden, traf ich schließlich mit ca. einer halben Stunde Verpätung ein. Ein scheußlich-schöner, neongrüner Linoleum Teppichboden begleitete mich im ersten Stock zum ersten Kontaktpunkt. Ein "freundlicher" junger Mann begrüßte mich mit den Worten "Jaja, die Musterung ist doch immer wieder was schönes", was ich mit einem leicht ironischen, übertriebenen aber zustimmenden Grinsen quittierte. Mein Weg führte mich nun zur nächsten Kontaktperson, mit der ich einen netten kurzen Plausch abhielt und mir einen Laufzettel aushändigte, wo die Stationen verzeichnet waren, die ich während des Musterungsvorgangs abgrasen mußte. Mit geringem Unmut stellte ich fest, daß der Bogen doppelseitig beschriftet war

. Schließlich führte man mich zu einem Raum mit Schränken darin und wies mich an, mich bis auf Shirt und Unterhose zu entkleiden. In diesem Aufzug betrat ich das angrenzende Nebenzimmer, einen Warteraum, wo etliche Leidensgenossen ebenfalls derart gekleidet ihrem Schicksal harrten. Eine erstaunlich beklommene Atmosphäre machte sich breit und ich mußte mir trotz meiner nicht gerade besten Laune das lachen verkneifen. Ab und an ertönte eine häßlich-scheppernde Stimme aus den Lautsprechern, die die Wartenden in verschiedene Labore und Zimmer beorderte. Nach einer Wartezeit von knapp einer halben Stunde konnte ich mich schließlich ins erste Labor begeben. Eine freundliche Ärtztin, die wohl jedes Klischee einer aufreizenden Krankenschwester verkörpern sollte (freizügiger Ausschnitt, viel Lippenstift etc.

) ließ mich auf die Waage hüpfen, stellte meine (Ganz)Körpergröße fest und drückte mir schließlich einen Becher in die Hand, den ich vollpissen sollte. Hierzu durfte ich mich gnädigerweise in die nebenstehende Toilette zurückziehen. Ich erwägte, den Becher randvoll zu machen, entschloß mich jedoch dagegen, da ich keinen Bock auf unnötig Ärger hatte

. Anschließend wurde ich wieder entlassen und zurück in den Warteraum geschickt. Wieder verging ca. eine halbe Stunde bis ich ins nächste Labor gerufen wurde. Hier ging der Spaß erst richtig los. Ich war an zwei Ärtztinnen geraten, die mich alles mögliche über meine gesundheitliche Vergangenheit ausfragten und sämtliche Angaben brav dokumentierten. Dann dufte ich am Seh- und Hörtest teilnehmen, aus denen ich als (teilweise) Farbenblinder hervorging. Meine Freude über den teilweisen Beschiß währte nicht lange, denn ich erfuhr, daß ich deswegen im Anschluß an das reguläre Musterungsverfahren noch zum Augenartzt mußte. Dann wurde mein Blutdruck gemessen. Anschließend 10 Liegestütze und dann noch mal ein paar Mal Blutdruck messen. Danach langte man mir zwecks urologischem Test an die Eier, was ich jedoch hätte verweigern dürfen, wie mir White Tiger versicherte, allerdings nach der Musterung, DANKE, TIGER!

. Meine Laune war also quasi am Tiefpunkt, als ich das beschissene Labor verließ und mir endlich wieder was anziehen durfte. Dann gings zur nächsten Kontaktperson, die an einem Schreibtisch saß und gleichzeitig Kreuzworträtsel löste und billige Serien auf RTL2 glotzte. Ein uniformierter Kontaktsoldat holte mich alsbald ab, um mit mir das Abschlußgespräch zu führen. "Über was zur Hölle, will der Kerl mit mir quatschen?" fragte ich mich noch leicht mißmutig, doch das einzige, was ich zu hören bekam war: "Haben Sie noch Fragen zur Musterung?" Was für Fragen? Warum ich langweilige Stunden mit warten verplempert habe, daß ich peinliche Untersuchungen über mich ergehen lassen mußte, ob ich das ganze vielleicht nochmal machen darf? Naja. Jedenfalls durfte ich dann noch zum Augenartzt marschieren, der in einem anderen Teil des Gebäudes hauste. Ich konnte mich glücklich schätzen, nicht noch mit dem Bus woanders hinfahren zu müssen, denn nicht alle Ärtzte hatten ihren Standort im KWE. Ein ausgesprochen gut gelaunter Artzt, der anscheinend den ganzen Tag niemand untersuchen durfte begrüßte mich freudig mit den Worten: "Bleiben Sie noch ein Weilchen sitzen, ich muß das Gerät erst anschmeißen, bis das warm wird dauerts ne Weile." Naja, schließlich war auch das vorrüber und ich konnte mich endlich auf den Heimweg machen. Als ich auf die Uhr sah, stellte ich fest, nur 2 1/2 Std. im KWE verbracht zu haben. Kam mir allerdings länger vor und ich mußte ja nur die ärtztliche Untersuchung machen, keinen Eignungstest, der bei Wehrdienstleistenden noch dazukommt.
Naja, ich war grad in Erzähllaune, deswegen ist es mal wieder bißchen länger geworden. hmpf.
